Ich habe die neue Schumacher-Doku bei Netflix gesehen: Eine Sache bewegt mich viel mehr als die Formel-1-Skandale

Es mag eine Generationenfrage sein, aber in meiner Erinnerung hat Michael Schumacher schon immer Rot getragen. Als Kind habe ich bei RTL den Zweikampf von "Schumi" im Ferrari mit dem wasserstoffblonden Kanadier Jacques Villeneuve im Williams verfolgt. Villeneuve wurde Weltmeister 1997, aber die Ferrari-Ära sollte den größten Triumph des Formel-1-Fahrers aus Kerpen darstellen.
Michael Schumacher, so die Legende, holte den italienischen Rennstall aus der Krise. Jahrelange Arbeit und sogar ein gebrochenes Bein nahm er in Kauf für den Weg zur absoluten Dominanz: fünf Weltmeisterschaften hintereinander. Dass Schumacher seine beiden ersten von insgesamt sieben Fahrertiteln im blauen Overall von Benetton geholt hat – daran erinnert die neue Netflix-Dokumentation Schumacher '94 - Die Geburt einer Legende, die ab heute verfügbar ist.
In Schumacher ’94 – Die Geburt einer Legende haben es alle auf den Formel-1-Star abgesehen
"Die Geburt einer Legende" – das hat was von einer Superhelden-Story oder einem Shonen-Anime. Eine radikale Dekonstruktion des Mythos Schumacher sollte man nicht erwarten. Im Gegensatz zur 2021 erschienenen Netflix-Dokumentation über den Rennsportler beschränkt sich der neue Film von Christin Freitag auf die Anfänge und vor allem auf das Jahr 1994. Schumachers vierte Saison beim Formel-1-Team Benetton begann als Konkurrenzkampf mit Ayrton Senna, führte über mehrere Tragödien und mündete in den ersten, umstrittenen Titel des Deutschen.
In der Doku, die aus zeitgenössischen Aufnahmen, überflüssigen, computerunterstützten Spielszenen sowie Interviews mit Wegbegleiter:innen besteht, wird Schumacher als Underdog präsentiert. So fügen sich die bescheidenen Anfänge ein in einen erzählerischen roten Faden, der uns die Skandale der Formel-1-Saison 1994 als Stationen auf dem Weg zur Größe präsentiert.
Eine facettenreiche Auseinandersetzung mit dem Betrugsverdacht gegen Benetton oder dem Vorwurf, Schumacher werde von der FIA sabotiert, um die Saison künstlich spannender zu gestalten, macht beispielsweise Platz für eine heroische, filmreife Geschichte. Es ist die Erzählung, wie ein Mann den Rest der Welt – die Fahrer, die Teams, die Verbände, die BILD-Zeitung – auf dem Weg zur Ziellinie hinter sich ließ.
Unter die Räder geraten neben den Nuancen auch die Rennszenen, die zu keinem Zeitpunkt die treibende Dynamik des anderen Schumacher-Films bei Netflix entfalten, geschweige denn an die Sogwirkung von Asif Kapadias wegweisender Formel-1-Doku Senna heranreichen. Letztere war bei ihrer Mythenbildung wesentlich kreativer. Dass ich den Abspann von Schumacher '94 - Die Geburt einer Legende trotzdem nicht enttäuscht weggeklickt habe, liegt an der schieren Zahl eigentlich unfassbarer Ereignisse, die die Saison '94 pflasterten. Und an Corinna Schumacher.
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Eine Liebesgeschichte hebt die Netflix-Doku über das Mittelmaß hinaus
Getragen wird Schumacher '94 - Die Geburt einer Legende nämlich von einer Liebesgeschichte, die mich noch Tage später bewegt. Corinna Schumacher, die damalige Freundin und heutige Ehefrau, erzählt im bodenständigen, zärtlichen Ton vom gemeinsamen Kennenlernen und bietet wiederholt Einblicke ins Seelenleben des Sportlers, etwa am verhängnisvollen Rennwochenende von Imola, als Roland Ratzenberger und Ayrton Senna auf der Strecke tödlich verunglückten.
Mit berührenden Einblicken wie diesen wird das überlebensgroße Bild von Sportlegende Schumacher, der seit seinem Skiunfall 2013 aus der Öffentlichkeit verschwunden ist, zumindest zeitweise abgestreift. Für die erhellende Betrachtung der Skandale fehlt es der Doku an Tiefgang (und dem Mitwirken von beispielsweise Konkurrent Damon Hill), und für eine actionreiche Zeitreise bleibt die Erzählung zu stark den Doku-Konventionen verhaftet. Dank Corinna Schumachers Präsenz gewinnt Schumacher '94 - Die Geburt einer Legende jedoch Authentizität, die den Netflix-Film übers Mittelmaß hebt.
Schumacher '94 - Die Geburt einer Legende streamt seit heute im Abonnement von Netflix.
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